Salzgitter: Bildungskette für Syrische Lehrkräfte - Start in den Lehrberuf geht in die nächste Phase


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Ende Juni 2018 haben 17 syrische Pädagoginnen und Pädagogen in Salzgitter ihre erste berufliche Qualifizierung abgeschlossen. Mit der Zertifikatsübergabe zum Volkshochschul-Kurs "Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit interkulturellem Schwerpunkt an Schulen (VHS)" endete die dritte von vier Phasen des Modellprojektes "Start in den Lehrberuf" der Stadt Salzgitter. Das Projekt qualifiziert geflüchtete Lehrkräfte für die Arbeit als pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an deutschen Schulen. Eine Übertragbarkeit des Projektes auf andere Kommunen und Kreise unter Einbezug der regionalen Volkshochschulen ist ausdrücklich erwünscht - ab sofort ist das Curriculum des Pilotprojekts verfügbar.

Worauf es bei einer erfolgreichen Bildungskette ankommt - Interview mit Christa Frenzel

Die Online-Redaktion des Familienportals hat Christa Frenzel, Erste Stadträtin der Stadt Salzgitter, zu diesem bundesweit einmaligen Pilotprojekt befragt.

Frau Frenzel, das Projekt "Start in den Lehrberuf" ist Ende 2016 gestartet. Was sind die Hintergründe dazu? Und was ist das Besondere an diesem Projekt?
Stadt und Jobcenter Salzgitter haben das Ziel, für Geflüchtete möglichst "Bildungsketten" zu gestalten, in denen die jeweiligen Maßnahmen aufeinander aufbauen und an die vorhandenen Qualifikationen anknüpfen. Zudem ist es das Ziel, die Erfahrungen und Fähigkeiten der Pädagoginnen und Pädagogen zu nutzen. Dadurch werden die Schulen entlastet.

Anlass war und ist der rasante Zuzug von Flüchtlingen und von Menschen aus dem EU-Ausland, darunter viele Familien mit schulpflichtigen Kindern, die kaum oder nur wenig Deutsch sprechen. Die Schulen waren und sind sehr überlastet. Es fehlt an Brückenbauern und Sprachpaten.

Wir wollen die Schulen unterstützen und entlasten, die Integration der Schülerinnen und Schüler erleichtern und Flüchtlinge, die einen lehrnahen Beruf ausgeübt haben, in den Arbeitsmarkt integrieren. Daraus ist das Modellprojekt entstanden. Das Besondere dabei ist, dass wir eine Bildungskette aufbauen konnten. Gelingensvoraussetzung ist einerseits die gelebte Praxis der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Stadt und Jobcenter und andererseits eine stringente Steuerung durch die Stadt. Zudem ist es gelungen, die Ressourcen der verschiedenen Aufgabenträger aufeinander abzustimmen und weiterzuentwickeln. So hat die Stadt im Rahmen der Bildungsregion gemeinsam mit dem Sprachbildungszentrum der Landesschulbehörde und der städtischen Volkshochschule einen der Bausteine, den zertifizierten Kurs "Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit interkulturellem Schwerpunkt an Schulen (VHS)" entwickelt.

Mit der Zertifizierung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu "Pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit interkulturellem Schwerpunkt an Schulen (VHS)" ist Ende Juni Phase drei des Pilotprojekts abgeschlossen. Was waren die ersten beiden Phasen?
Wir haben zunächst eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern und auch einige wenige Sozialpädagogen identifiziert. Daraufhin haben wir mit dem Jobcenter vereinbart, dass die syrischen Pädagoginnen und Pädagogen zunächst einmal ein dreimonatiges Praktikum absolvieren konnten. Gleichzeitig haben wir in dieser ersten Phase schon überlegt, wie ein Einstieg in den Beruf gelingen kann. Wir haben angeknüpft an die Qualifikation, aber auch die Bedarfe der Schulen in den Blick genommen. Schon in dieser Phase war deutlich, dass die Tätigkeit der syrischen Pädagoginnen und Pädagogen in den Schulen zu einer großen Entlastung geführt hat: Sie waren Sprachmittler zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften, sie haben Elterngespräche begleitet und haben in der Pausenaufsicht geholfen. Das war bzw. ist sehr erfolgreich. Spannungen zwischen Schülerinnen und Schülern waren so schnell abgebaut.

An diese Praktikumsphase haben wir einen weiteren durch Landesmittel geförderten Sprachkurs angeschlossen und parallel das Curriculum für den Kurs "Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit interkulturellem Schwerpunkt an Schulen (VHS)" entwickelt. Hierfür haben wir die Ressourcen der Kollegin und des Kollegen der Bildungsregion und des Bundesprogramms "Bildung integriert" eingesetzt. Die im Rahmen der Bildungsregion Salzgitter vom Land abgeordnete Kollegin und der durch das Bundesprogramm "Bildung integriert" eingesetzte Kollege sind die tragenden Säulen dieser Projektphase.

Zwischen Praktikum und Kurs waren die Teilnehmenden weiterhin (im Auftrag der Stadt Salzgitter und damit versichert) ehrenamtlich an den Schulen tätig. Sie konnten Kontakt halten und ihren Spracherwerb fortsetzen. Einige haben sich auch zu Integrationslotsen fortbilden lassen und damit einmal mehr deutlich gemacht, wie sehr sie daran interessiert sind, hier einen Einstieg zu finden. Wir haben inzwischen in Salzgitter ungefähr 90 Geflüchtete, die sich ehrenamtlich betätigen: als Sprachmittler, als Begleiterinnen und Begleiter bei Arztbesuchen, als Integrationslotsen oder schlicht eben als Familienhelfer. Das ist ein besonders positives Feedback auf unsere Integrationsarbeit.

In der dritten Phase, also der Kursphase, waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann wiederum an zwei Tagen begleitend an der Schule in der Praxis. Sie haben weiterhin Kontakt gehalten und sie haben sich durch die Teilnahme an dem Kurs und durch die Kontakte, die sie haben, weiter integriert, auch in verschiedenen anderen Bereichen.

Welche Rolle spielen dabei das Jobcenter und die Volkshochschulen?
Unsere Volkshochschule hat den Kurs zertifizieren lassen und damit konnte das Jobcenter die Geflüchteten mit einem Bildungsgutschein ausstatten, so dass sie an diesem Kurs teilnehmen konnten. Das ist jetzt abgeschlossen. Im Ergebnis ist es ein sehr großer Erfolg, weil während dieses Kurses der Spracherwerb weiter vertieft werden konnte, aber auch die Grundlagen der Ausrichtung unseres Bildungssystems vermittelt wurden.

Das Konzept für den Kurs selbst haben wir auf der Grundlage von zwei Lehrgängen des Landesverbands der Volkshochschulen Niedersachsens im Rahmen seiner Marke "vhsConcept" entwickelt.

Und wie geht es jetzt weiter?
Wir haben schon während der Dauer dieses Kurses überlegt, wie wir Beschäftigungsmöglichkeiten generieren können und haben Kontakt mit dem Land aufgenommen. Man muss realistischerweise dazu sagen, dass das Qualifikationsniveau nicht gleichwertig ist, um direkt als Quereinsteiger in den Lehrberuf einzusteigen. Eine Lücke gibt es aber im sozialpädagogischen Bereich. Wir haben daher Kontakt mit unserer Berufsbildenden Schule aufgenommen. Die BBS hat das Angebot für eine Ausbildung gemacht, zunächst als Sozialassistentin bzw. Sozialassistent - das ist die Voraussetzung, um Erzieherin oder Erzieher zu werden.

Für die syrischen Pädagoginnen und Pädagogen, die die Vorqualifizierung zu pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern absolviert haben, ist eine verkürzte Sozialassistentenausbildung vorgesehen - ein Jahr anstatt der regulären zweijährigen Ausbildung.

Damit steigen die Voraussetzungen, auch tatsächlich beruflich z. B. in den Kitabereich einzusteigen, aber auch in den Bereich der Nachmittagsbetreuung im Hortbereich. Daran gibt es auch ein großes Interesse. Natürlich wird die Landesschulbehörde, mit der wir ja auch eng zusammenarbeiten, in einer gewissen Zeit prüfen, ob ein Quereinstieg auf der Basis dessen, was die Teilnehmenden an Qualifikation erworben haben, dann auch tatsächlich möglich ist. Ich bin sehr zufrieden, dass wir auf diese Weise eine Grundlage schaffen, um zu einer bezahlten Tätigkeit zu kommen.

Gut wäre, wenn auch die Ausbildung zum Erzieher bzw. zur Erzieherin über einen Bildungsgutschein möglich wäre.

Mit dieser Ausbildung nach dem Curriculum, besteht da bereits die Möglichkeit für eine bezahlte Tätigkeit?
Ja, das ist möglich. Das sind aber zumeist Teilzeitstellen. Die Grundlage haben die Teilnehmenden, stundenweise können sie sicher arbeiten, aber um tatsächlich ein Auskommen zu haben, ist es natürlich besser, wenn da eine weitere Qualifikation folgt – und da sind wir jetzt dran.

Die Stärke des Projektes ist für die Geflüchteten auch, dass sie für sich eine Perspektive erkennen und sie ihr Potenzial einsetzen können. 14 der 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen jetzt in dieser vierten Phase weiter. Insgesamt ist diese Qualifikation auch eine gute Grundlage, Einblicke in unser Gesellschaftssystem zu bekommen und zu vermitteln.

Sie haben bereits auf einer Fachtagung im Herbst letzten Jahres das Curriculum zur Qualifizierung angekündigt – Wie leicht lässt sich das Pilotprojekt auf andere Kommunen übertragen?
Eine Übertragbarkeit unseres Projekts auf andere Kommunen und Kreise ist ausdrücklich erwünscht. Das Curriculum des Kurses kann beim Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsen e.V. erworben werden.

Entscheidend für den Erfolg ist die Steuerung durch die Kommune. Wir haben uns nicht nur vernetzt, sondern auch die Umsetzung dieser Bildungskette gesteuert, haben die verschiedenen Bausteine zusammengebracht, also Praktika empfohlen, das Curriculum entwickelt. Das Ergebnis ist letztendlich aus dem Zusammenspiel vieler Akteure und der Bündelung verschiedener Ressourcen entstanden: Die Stadtverwaltung als Bildungsregion, die Volkshochschule, die betroffenen Schulen, die BBS und das Jobcenter, das ein wichtiger Akteur ist, damit überhaupt der Lebensunterhalt weiter gesichert ist. Wir freuen uns auch über die konstruktive Begleitung durch die Landesschulbehörde.

Die Koordination durch die Stadtverwaltung und die Bildungsregion ist bei diesem übergreifenden Modellprojekt unverzichtbar gewesen. Aber der Aufwand lohnt sich in jedem Fall.

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Das Curriculum lässt sich über den Landesverband der Volkshochschulen erwerben. Kosten: für Mitglieder 150 Euro, für Nicht-Mitglieder 300 Euro

Kontakt:
Sabine Bertram
bertram@vhs-nds.de
T 0511 / 300 330 59

Weitere Informationen auf der Website der Stadt Salzgitter.

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