Pendelkinder

Der Artikel von der Journalistin Anja Kretschmer "Das frühe Doppelleben" gibt einen Einblick in das Leben von Familien, in denen die Eltern getrennt leben. Sie berichtet über Mütter und Väter, die sich die Erziehung ihrer Kinder paritätisch aufgeteilt haben. Wie kommen die Kinder und Eltern mit zwei "zu Hause" und der Pendelei zwischen zwei Elternteilen zurecht?

Anja Kretschmer: "Das frühe Doppelleben"
Sehr arme Kinder haben kein Zuhause. Die meisten Kinder hierzulande haben (noch immer) ein Zuhause. Es gibt aber welche, die haben zwei Zuhause – auch wenn das eigentlich unsere sprachlichen Möglichkeiten sprengt, weil "Zuhause" sich kaum in den Plural setzen lässt. Man kann diese Kinder fortschrittlich nennen.

SpielplatzLieber Jon, erzähle uns von deinem Pendlerleben. Der Neunjährige mit den sanften Augen sitzt am kleinen wackeligen Holztisch in der Küche seines Vaters und beschreibt, wie er und sein kleiner Bruder Antonin alle 3 Tage Blockflöte, Fußballschuhe und Schultasche packen. Samstags oder sonntags zieht eine kleine Karawane die Straße entlang bis zur Wohnung der Mutter, am Mittwoch nach der Schule geht´s zurück zum Vater. Allerdings findet Antonin den Donnerstag wesentlich erwähnenswerter: da muss er schon um 7.15 Uhr in der Schule sein wegen des Schwimmunterrichtes. Das erscheint ihm aufregender als die Tatsache, dass er zwei parallele Zuhause hat, einen Küchentisch in jeder Wohnung, 2 mal Hosen und Pullover, 2 mal Spielsachen , 2 genau gleichwertige Erziehungsberechtigte – ein Doppelleben.

Was Antonin als "das Normalste der Welt" empfindet, betrifft eine kleine, aber stetig wachsende Avantgarde und ist als gesellschaftliches Phänomen so neu, dass es nicht einmal eine allgemeingültige Bezeichnung für diese Form von Kindheit gibt.

Pendel-Kinder, Teil-Zeit-Kinder, Mittwochs-Kinder - Kinder, die von getrennt lebenden Eltern gemeinsam und geteilt erzogen werden.

Kinder wie die neunjährige Mabel, deren Eltern sich vor sechs Jahren trennten nach sieben gemeinsamen Jahren. Mabel fand den regelmäßigen Wechsel zwischen Mutter und Vater schrecklich schwer: "Dann war ich bei Mama und dann bei Papa und dann bei Mama und wusste gar nicht, wo meine Anziehsachen waren und was ich da machen soll."

Was für eine Zumutung, könnte man meinen. Da werden Kinder wochenweise hin und her geschoben – eine Lebensweise, die schon erwachsene Berufspendler extrem strapaziert. Und das passiert überdies nach einer Trennung der Eltern, die – selbst in seltenen friedlichen Fällen – immer ein Trauma, ein Riss, ein frühes Leid bedeutet. Über 200 000 Ehepaare lassen sich hierzulande jährlich scheiden, die Hälfte davon hat Kinder unter 18 Jahren. In gut 90% der Fälle bleiben die Kinder bei der Mutter. Nach ein bis zwei Jahren bereits hat sich die Hälfte der Väter aus dem Leben ihrer Kinder verabschiedet. Das ist die Normalität. Und die kam für Ralph Amann nicht in Frage.

Als Jon und Antonin noch klein waren, teilten sich ihre Eltern die Zeit. Ralph Amann und Helga Lutz schrieben an ihrer jeweiligen Dissertation. Morgens arbeitete Ralph Amann an seiner Schrift "Über die Zerbrechlichkeit der Welt", dann gab es ein gemeinsames Mittagessen, am Nachmittag arbeitete Helga Lutz und abends kamen Freunde vorbei. Eine innige Zeit, ein Zusammenwachsen vom Beginn des neuen Kinderlebens an. Wenn Eltern den Alltag mit ihren Kindern samt Gebrüll und Wickeln und Füttern von Anfang an teilen, meint Ralph Amann, "dann erleben wohl fast alle Menschen, dass zwischen Eltern und Kind so viel und auf eine so unhinterfragbare Weise erwächst wie selten zwischen Menschen." Sein Leben miteinander verflechten, nennt er es und versucht eine Liebe zu beschreiben, die jenseits von Job- und Partnerwechsel unbegrenzt gilt. Seine Kinder nach der Trennung nur jedes zweite Wochenende zu sehen, wäre ihm falsch vorgekommen und zudem keineswegs im Sinne von Helga Lutz gewesen, die nach der Trennung eine Stelle an der Universität in Erfurt annahm.

Ein statistischer Vater beschäftigt sich 20 Minuten am Tag mit seinen Kindern. Manchmal kommt er von der Arbeit, wenn die Kinder schon schlafen und manchmal hat er auch am Wochenende zu tun. Manchmal wird er bloß als Gast im Familienalltag erlebt. Dann kann es passieren, dass das Kind es nach einer Trennung seltsam findet, wenn es jedes 2. Wochenende mit einem quasi Fremden verbringen soll. Aber bei Ralph Amann und Jo Terbach handelt es sich um eine andere Art Väter.

FamilienbildAuch Jo Terbach teilte sich mit Vio Mütter häufig Kinder und Arbeit in den ersten gemeinsamen Jahren. Er als selbstständiger Bauunternehmer übernahm immer mal wieder das Wickeln und Kochen, während sie als Illustratorin an ihren ersten Bilderbüchern arbeitete. Statistisch wahrscheinlich wäre es gewesen, wenn sie nach der Trennung die Kinder übernommen hätte. "Aber Statistik interessiert mich nicht", meint Jo Terbach, "ich will meine Kinder oft sehen."

Bei der Trennung war Mabel 3 Jahre alt und Silvester 5 und beide Eltern entschlossen sich zu einer paritätischen Lösung – schließlich sollte den Kindern sowohl Vater als auch Mutter weiterhin zugänglich sein, wenn schon das gemeinsame Leben nicht möglich war. "Es geht doch gar nicht anders. Wie sollte ich das den Kindern später erklären: ich habe nicht mehr so viel mit Euch zu tun gehabt, weil Eure Mutter und ich nicht miteinander konnten? Das ist doch keine Entschuldigung."

Der Züricher Kinderarzt Remo H. Largo erläutert in seinem Buch "Glückliche Scheidungskinder", dass und wie Kinder trotz einer Scheidung glücklich aufwachsen können. Seine Aussagen decken sich mit aktuellen Ergebnissen der Scheidungsforschung sowohl in den USA als auch in Deutschland: Trennungen sind nicht notwendig ein lebenslanges Trauma. Aus dem größten Teil der Scheidungskinder werden ganz normale, mehr oder weniger zufriedene Erwachsene. Zentral ist allerdings die Frage: Bleiben Mutter und Vater für die Kinder verfügbar? Gefährlich ist der Scheidungsprozess durch die Angst, den Vater oder die Mutter zu verlieren, oft mit der unbewussten Befürchtung verbunden: wenn ich nicht lieb bin, werde ich dann auch verschwinden wie meine Mutter/mein Vater?

Der Familientherapeut Robert Hagen leitet seit vielen Jahren so genannte Scheidungskinder-Gruppen und berät seit der Modernisierung des Scheidungsrechtes immer mehr Trennungspaare, die ihre Kinder paritätisch erziehen wollen. Er beobachtet, dass die paritätische Trennungs-Variante die höchsten Anforderungen an beide Elternteile stellt. Schließlich müssen viele Dinge abgesprochen werden und zwar gerade zwischen zwei Menschen, die – zumeist schweren Herzens – beschlossen haben, sich voneinander zu lösen.

Vio Mütter, Silvester und Mabel sitzen beim Frühstück und plötzlich erinnert sich Mabel: Das Federmäppchen ist noch beim Papa. Erster Anruf beim Vater von bis zu vier oder fünf, die der Tag noch erfordern wird. Der Vater hat das Gefühl: immer soll ich das Federmäppchen bringen. Und die Mutter ist der Meinung: ich habe schon so oft das Federmäppchen oder die Turnschuhe oder das Kuscheltier abgeholt, jetzt bist du dran. Erster Streit vor 8 Uhr am Morgen, anschließend kann sich Mabel in der Schule nicht konzentrieren, weil das Geschrei der Eltern am Telefon noch nachklingt in ihrem Kopf.

Vio Mütter hat unendlich viel darüber nachgedacht, wie der Alltag friedlicher ablaufen könnte – zumal der Streit der Eltern sich auf die Kinder überträgt. Wenn Silvester seine "Ärgertage" hat, bringt er seine Schwester zur Weißglut. Verzweifelt weigert sie sich beim Sonntagsausflug, neben ihm auf der Rückbank des Autos Platz zu nehmen und läuft stattdessen blindlings die Straße entlang. Manchmal fühlt sich ihre Mutter völlig hilflos. "Es gibt ja keine Grundsatzmuster, wie man als getrenntes Paar zu agieren hat. Es ist ja keine Mathematik, keine Wissenschaft, sondern Zusammenspiel. Man kann versuchen, sich Erfahrungswerte rauszusuchen. Wie machen es andere? Wie lassen sich Dinge übertragen, wo sind die Grenzen?"

Am Anfang wechselten Vio Mütter und Jo Terbach sich alle 2 Tage ab. Zu viel Unruhe, stellten beide nach einigen Monaten fest und suchten sich eine Familienberatung. Dort bekamen sie zu hören: Kinder brauchen einen Lebensmittelpunkt. Also beschlossen sie, die Kinder sollten zumeist in der großen Wohnung von Jo Terbach bleiben, in der vor der Trennung alle zusammen gelebt hatten. Vio Mütter sollte das Pendeln übernehmen, kam am Nachmittag und brachte nach dem Abendbrot die Kinder mit ins Bett. "Und als alles abgewickelt war, bin ich in meine Wohnung gegangen. Das haben wir ungefähr ein dreiviertel Jahr durchgezogen, dann ist mir die Puste ausgegangen. Es gab so viel Spannungen. Wenn der Vater meiner Kinder sauer war, wenn er mich anrief und sagte: Du brauchst heute nicht kommen - das war furchtbar."

Also wechseln die Kinder nun wochenweise. Silvester findet das ganz gut so, er hat errechnet, dass ihm zwei verschiedene Regeln beispielsweise mehr Fernsehen erlauben, als eine, auf die sich beide Eltern einigen. Zugleich legt er großen Wert darauf, beide Eltern gleichermaßen um sich zu haben. "Ich glaube, wenn die Eltern sich trennen und wenn man bei dem einen weniger ist, kriegt man Fantasien, dass der einen nicht so mag. Man kriegt so Ideen."

Silvesters Schwester Mabel ist anderer Meinung. Ihr gefallen weder das Hin und Her zwischen den Elternhäusern noch die Trennung der Eltern überhaupt. Eigentlich hat sie immer Sehnsucht nach genau dem, der gerade nicht da ist. Wie damit umgehen? Wie soll sich Jo Terbach verhalten, wenn Mabel zu ihrer Mutter will, die am Nachmittag gerade zuhause ist und sich vielleicht freuen würde über Mabels Anwesenheit. Warum soll das Kind nicht zu seiner Mutter dürfen? Wegen der Absprachen, Prinzipien, Kontinuität? Aber ist das wichtiger als die akuten Bedürfnisse des Kindes?

Es wird wohl niemand behaupten, dass Trennungen seit der Modernisierung des Scheidungsrechtes einfacher sind. Das neue Scheidungsrecht verteilt die Erziehungsverantwortung grundsätzlich, auch nach der Trennung, auf die Schultern beider Eltern. Viele Väter wollen keine Wochenend-Papas mehr sein, viele Mütter wollen nicht mehr Kinder und Job allein stemmen müssen, und allgemein beginnt man zu erkennen, wie sehr Kinder anwesende Väter brauchen – das neue Elterngeld wird diese Entwicklung unterstützen.

Aber der gesellschaftliche Umbruch, der sich da in jeder einzelnen Familie vollzieht, ist oft eine schmerzhafte Suche nach neuen Lösungen. Der Therapeut Robert Hagen will in seinen Beratungen Angst nehmen und Zutrauen vermitteln: Jede Regelung ist möglich und machbar, mit der es Kindern und Eltern gut geht. Zwei Zuhause – das kann eine Kindheit ebenso bereichern wie belasten. "Je mehr Erfahrungen wir mit ins Leben nehmen, desto mehr Ressourcen haben wir im Gepäck, die wir im späteren Leben entfalten können. Erfahrungen, die andere nicht machen mussten, nicht machen konnten, stehen später zur Verfügung und lassen einen sensibler mit Familie und Partnerschaft umgehen. Alles ist denkbar und sicherlich empirisch messbar."

Beruf und Familie Später einmal. Zunächst müssen diese paritätisch aufwachsenden Kinder älter werden, damit sich die Folgen einer Pendel-Kindheit erforschen lassen. Bis dahin gibt es auch für Helga Lutz immer mal wieder Anlässe, sich Gedanken zu machen über die Entwicklung ihrer Kinder. Manchmal befürchtet sie, Jon und Antonin könnten sich beispielsweise zu konfliktunfähigen Autisten entwickeln. Schließlich fehlen all die Streitigkeiten mit gelungenen Versöhnungen am Abendbrottisch einer klassischen Familie, die den zuschauenden Kindern vermitteln, wie anstrengend und zugleich glücklich die gewöhnliche Alltagsliebe sein kann. "Was wir hier haben", beschreibt Helga Lutz ihr Leben mit Jon und Antonin, bei dem sie allein die Struktur vorgibt, "ist eine sehr intime Dreierbeziehung."

Früher, in den Zeiten vor ihrer Trennung, gab es zwischen Helga Lutz und Ralph Amann auch Auseinandersetzungen - obwohl die Zuständigkeit für Jon und Antonin und die Arbeitszeit verteilt waren, blieb bei beiden das Gefühl, mehr Zeit zu brauchen. Schließlich bewegen sich beide in einem akademischen Umfeld, in dem Kinder selten und daher gewissermaßen Wettbewerbsnachteile sind und eine gnadenlose Konkurrenz um rare Berufungen herrscht. Strukturelle Unvereinbarkeiten schlugen sich, so erinnert Ralph Amann, vehement im Alltag nieder: "Wann immer man den anderen vergnügt mal Zeitung lesen sieht oder das Gefühl hat: der war jetzt zu lang im Café, denkt man: ich hätte die freie Zeit so gut nutzen können. Weil die Zeitnot so ein Thema wird, ging es gar nicht anders als das paritätisch zu trennen, wir hätten uns sonst die Augen ausgekratzt."

Seit Helga Lutz jeden Mittwoch bis zum Wochenende nach Erfurt pendelt, ist der Wochenrhythmus für Antonin und Jon klar und einfach geworden. Jon freut sich auf die schrammelige Küche beim Vater, die über und über mit Kinderzeichnungen gespickt ist und Antonin freut sich auf die Kammer bei Mama, von deren Fenster er gucken kann, wer im großen Hofgarten spielt.

Hin und wieder gibt es gerade bei den Übergaben der Kinder noch heikle Momente, z.B. passieren manchmal pampige Bemerkungen, wenn Helga Lutz vermutet, die Kinder hätten bei ihrem Vater zu viel unternommen, und sähen deswegen so müde aus. "Aber mittlerweile wir sind beide verantwortlich genug, um dann drei Schritte zurück zu gehen und zu sagen: ok, das ist so, wird sich nie ändern, war immer so und den Kindern geht´s gut und sie fühlen sich an beiden Punkten wohl und das ist das wichtigste."

Lange Zeit haben Helga Lutz und Ralph Amann auf den direkten Kontakt miteinander weitgehend verzichtet. Der Therapeut Robert Hagen rät Eltern in der ersten Zeit der Trennung manchmal, Telefonate und Treffen zu vermeiden und lieber eine Email zu schreiben, das mildert die Brisanz. Erst jetzt, nach knapp vier Jahren Trennung, enden die unangenehmen Übergabe-Situationen auf den Treppenstufen manchmal mit einer beiläufigen Einladung. "Willst Du noch etwas mitessen", fragt Helga Lutz dann den Vater ihrer Kinder, "ich habe sehr lang gebraucht, um das zu machen. Aber an den Punkt muss man irgendwann mal kommen." Auch für Ralph Amann hat sich das Verhältnis deutlich entspannt. "So wie wir das aufgeteilt haben finde ich es wunderbar. Ich habe wieder drei Junggesellentage, an denen ich mental weit weg rücke. Der Kampf um Zeit und um Arbeitsmöglichkeit kann unheimlich schmerzlich sein und viel kaputt machen - das ist besser geworden mit der Trennung, man hat viel mehr Zeit." Mag sein, dass in modernen Biographien meistens etwas den einander ausschließenden Anforderungen zum Opfer fällt: immer häufiger der Kinderwunsch, oft immer noch der Beruf, und manchmal eben die Liebe.

Die Eltern von Jon und Antonin befürchteten nach der Trennung einen Riss, deutliche Verhaltensauffälligkeiten, Wut oder andere Gefühlsausbrüche. Aber beide Jungen blieben weiterhin die freundlichen, aufgeweckten, einander sehr zugetanen Kinder, die sie zuvor gewesen waren. Irgendwann im letzten Sommer gab es sogar einen gemeinsamen Ausflug. Die Eltern dachten, das sei sicher eine ganz besondere Situation für Jon und Antonin. Die aber vergnügten sich die meiste Zeit am Ufer des Sees, ohne ihren ausnahmsweise vereinten Eltern mehr Aufmerksamkeit als sonst zu schenken. "Wer weiß, wie sie in 20, 30 Jahren über ihre Kindheit denken werden", meint ihr Vater.

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Anja Kretschmer ist Journalistin und Gründerin des Berliner Journalistenbüros. Ihr Artikel "Das frühe Doppelleben" erschien in Chrismon 07.2007.

Der Artikel steht auch als PDF-Datei zum Download zur Verfügung.

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