Themenschwerpunkt - Familienpolitik geschlechtergerecht gestalten

Geschlechtergerechte Familienpolitik schafft Grundlagen und Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Familien- und Erwerbsarbeit. Die Lebensbedingungen von Frauen werden durch Familienpolitik ganz erheblich gestaltet. Frauenpolitik ist mehr als Familienpolitik. Sie bezieht sich auf alle Politikbereiche wie Wirtschaft und Arbeit, Gesundheit und Gesellschaft.

Die Lebensrealität von Familie hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Neben der auf Ehe gegründeten Familie gibt es heute vielfältig Formen in Gemeinschaft mit Kindern oder Eltern zu leben und Verantwortung füreinander zu tragen. Besonders zu berücksichtigen ist, dass die Geschlechterrollen (wie "Frau, Mann, Mutter, Vater, Mädchen, Junge, Bruder, Schwester") die Dynamik des Familiengeschehens prägen. Traditionelle Rollenvorstellungen und neue aus veränderten Gesellschaftsstrukturen resultierende Lebenskonzepte werden zunehmend zum Diskussionsgegenstand und damit verhandelbar. Ein bewusster Umgang mit geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern in der Familie kann bspw. Themen wie häusliche Gewalt oder sexuelle Gewalt stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken oder zum Wandel klassischer Normen (z.B. "neue Vaterrolle, Berufs- und Lebensplanung von Mädchen und Jungen") beitragen.

Um Familien ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, ist es erforderlich

  • jedes Lebensmodell eigenständig finanziell abzusichern,
  • im rechtlichen Sinn gleich zu stellen und
  • durch geeignete Maßnahmen zu unterstützen.

Eltern obliegt die Verantwortung zur Erziehung der Kinder. In der Wahrnehmung dieser gesellschaftlich notwendigen Leistung werden Eltern von Staat und Gesellschaft unterschiedlich, oft nicht hinreichend, gefördert und unterstützt. Unter dem Schutz der staatlichen Ordnung hat immer noch die Institution Ehe den Vorrang vor der Familie – zum Nachteil all derer, die sich für andere Lebensformen entschieden haben oder sich darin wieder finden.

Eine Lebendige entwicklungsfähige Gesellschaft hat die Erziehung und Förderung der nachwachsenden Generation ebenso im Blick wie sie den Erfahrungsschatz der älteren Menschen in ihr Zukunftskonzept aufnimmt. Aus der Wertschätzung aller in einer Gesellschaft lebenden Gruppe ergibt sich letztlich die Würde jedes Individuums. Somit kommt einem gut ausgebauten bedarfsgerechten Bildungs- und Betreuungssystem für Kinder und alte bedürftige Menschen existenzsichernde Bedeutung für die gesamte Gesellschaft zu.

Familienpolitik und Gleichstellung

Familienpolitik ist bis heute primär die Förderung des "Ernährer- und Zuverdienerinnen-Modells". Familienpolitik muss aber unbedingt aus dem Blickwinkel der Gleichstellung von Frauen und Männern weiterentwickelt werden. Denn

  • weniger Frauen entscheiden sich für Kinder.
  • mehr Frauen entscheiden sich für weniger Kinder.
  • Frauen stellen die größte Gruppe unter den Alleinerziehenden.
  • die Mehrheit der Mütter ist heute erwerbstätig.
  • erwerbstätige Mütter, die in einer Partnerschaft leben, leisten den größten Part der Hausarbeit.
  • Frauen übernehmen den größten Anteil von Pflege- und Fürsorgearbeiten in den unterschiedlichsten Familienmodellen.

Wenn es allen Mitgliedern einer Familie gut geht, geht es auch der Familie gut. Geschlechtergerechte Familienpolitik setzt daher den Fokus auf das Wohlergehen aller Individuen.

Familienpolitik im Wandel - Frauenerwerbsquote und Geburtenrate in Deutschland

Babypause_Silke-Kaiser_pixelioIn der Bundesrepublik sind die Frauenerwerbsquote und die Geburtenrate niedriger als in anderen Ländern. Das Liegt vorrangig an mangelnder Kinderbetreuung und fehlenden Ganztagsschulen, der Ausgestaltung des Steuersystems, den Strukturen des Arbeitsmarktes und dem "Armutsrisiko Kind". Die Entwicklung in anderen europäischen Ländern zeigt, dass mit einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen auch die Zahl der Geburten hoch sein kann. Maßnahmen, die eine höhere Erwerbsbeteiligung insbesondere von Müttern fördert, sichern unsere Altersvorsorge.

Um auch in Deutschland diesem Ziel näher zu kommen, müssen auf jeden Fall folgende Punkte berücksichtigt werden:

  • Die gleichberechtigte Teilhabe am Erwerbsleben, insbesondere hinsichtlich Entlohnung und Aufstieg muss sichergestellt werden.
  • Der berufliche Wiedereinstieg – auch in Teilzeit – ist zu fördern, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet ist.
  • Die Arbeitszeiten müssen für Frauen und Männer familienfreundlich gestaltet werden.
  • Das Steuersystem ist auf eine individuelle Einkommenssteuerung umzustellen.
  • Die Gesamtbelastung der Altersvorsorge muss gerecht zwischen Männern und Frauen verteilt werden (u.a. durch Unisextarife, Teilung erworbener Ansprüche in der Ehe).

Erziehungs- und Betreuungsleistungen in der Familie

In der Familie werden wichtige Erziehungs- und Betreuungsleistungen erbracht. Um die Familie insgesamt zu stärken und zu unterstützen sind flankierend bedarfsgerechte Betreuungssysteme zwingend erforderlich.

Terminkalender_Claudia-Hautumn_pixelioGeschlechtergerechtigkeit lässt sich nur dann verwirklichen, wenn Familienpflichten und Erwerbsarbeit auch zwischen Eltern gleichmäßig aufteilbar sind. Dies setzt eine in qualitativer und quantitativer Hinsicht gleichwertige Stellung von Frauen im Beruf voraus. Männer müssen im gleichen Umfang wie Frauen an den Familienpflichten teilhaben. Dies setzt auch bei Arbeitgebern ein Bewusstsein voraus, dass die Bedeutung von Vätern im Familienleben erkennt. In einer individualisierten Gesellschaft muss aber auch die Aufgabenteilung im Detail zwischen den Lebenspartnern ausgehandelt werden.

Pflegende Familienangehörige müssen stärker als bisher anerkannt und unterstützt werden. Dazu zählen neben materiellen Hilfen (wie durch die Pflegeversicherung) Qualifizierungs- und Beratungs- und Entlastungsangebote. Ebenso ist an Tageseinrichtungen zu denken, die die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsaufgaben erleichtern, denn es sind primär Frauen (Töchter, Schwiegertöchter), die Familieangehörige pflegen.

Infrastruktur für Familien vor Ort

Auch Kommunen sind in der Verantwortung, Rahmenbedingungen für die Entscheidung von Frauen und Männern für ein Leben mit Kindern bzw. verschiedenen Generationen zu schaffen.

  • Ganztagsbetreuungseinrichtungen sind Lern-Orte für Mädchen und Jungen und bieten Müttern und Vätern die Möglichkeit einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Kostenfreiheit der Betreuungsangebote ist das Ziel.
  • Die berufliche und gesellschaftliche Stellung und Entlohnung pädagogischer und pflegerischer Betreuungskräfte ist aufzuwerten.
  • Es müssen qualitativ hochwertige Begegnungsangebote für weibliche und männliche Jugendliche bestehen.
  • Pflegende Angehörige sind durch Unterstützungsstrukturen zu entlasten.
  • Das Wohnumfeld ist für Familien in besonderem Maße von Bedeutung. Durch die Mischung von Wohnen, Arbeitsplätzen, Dienstleistungs-, Versorgungs- und Kindertageseinrichtungen wird ihnen die Kombination von Familienarbeit und Erwerbstätigkeit erleichtert.
  • Flexible Wohnraumformen müssen möglich sein, z.B. durch nutzungsneutrale Grundrisse der Wohnungen und Angebote für Gemeinschaftsaktivitäten.

Zeit für Familie

Zeit für Familie heißt nicht nur freie Zeit für Familienleben sondern auch mehr Zeit, sich in seinem Leben für Familie zu entscheiden und berufliche Entwicklungen offen zu lassen.

  • Den starren deutschen Lebensverlauf gilt es aufzuheben: Schule – Ausbildung – Beruf – Rente lassen wenig Raum für Entwicklungen und ein zu kleines Zeitfenster für den Kinderwunsch.
  • Mit einer verbindlichen Regelung über Freistellungen für Familie, soziales Engagement oder Fortbildung werden Familienphasen von Ausfallzeiten zu Qualifizierungszeiten aufgewertet und damit für Frauen und Männer selbstverständlich.
  • Berufsanreicherungsmodelle eröffnen Perspektiven und Zeitfenster besonders für frauentypische Arbeitsbereiche ohne Aufstiegschancen.
  • Altersgrenzen im Zusammenhang mit Erwerbs(wieder)einstieg sollten weitestgehend aufgehoben werden. Dies entspricht auch dem Grundsatz des lebenslangen Lernens (vgl. Siebter Familienbericht)

Geschlechtergerechte Arbeitswelt

Equal-Pay-Day-TaschenDie Balance zwischen Arbeits- und Familienleben ist eine Schlüsselfrage für Frauen und Männer. Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern müssen mit neuen Bewertungssystemen beseitigt werden. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit muss eine Selbstverständlichkeit werden. Betriebe sollen ihren Teil der gesellschaftlichen Verantwortung für jetzige und nachwachsende Generationen übernehmen. Eine familienfreundliche Personalpolitik muss so gestaltet sein, dass die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern offen erfolgt. Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Erwerbsleben und Betreuungsarbeit müssen geschaffen werden, denn sie sind rentabel. Flexible Arbeitszeitmodelle sind notwendig. Die Betriebe müssen die Bedürfnisse aktiver Vaterschaft ernst nehmen und fördern. Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit werden nicht nur Frauen und Müttern angeboten. Unterbrechungen der Erwerbszeiten werden möglichst gering gehalten.

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(Autorin: Rosita Wismach)

Webtipp

www.vernetzungsstelle.de
Mehr zum Thema geschlechtergerechte Familienpolitik finden Sie auf dem Portal für Gleichberechtigung, Frauenbeauftragte und Gleichstellungsbeauftragte.

Mehr zum Thema in den Fachinformationen

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