Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2019

Zwischen 2008 und 2018 hat sich die Zahl des pädagogischen Personals in den niedersächsischen Kitas um über 50 Prozent erhöht: von 33.465 auf 52.106. Im selben Zeitraum ist auch die Zahl der Kita-Kinder von 246.474 auf 274.858 gewachsen. Die Betreuungssituation in den Kitas ist allerdings noch immer nicht kindgerecht und stellt zudem eine hohe Arbeitsbelastung für die Fachkräfte dar. Zu diesen Ergebnissen kommt das diesjährige Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung.

Mit Blick auf die Personalschlüssel heißt dies konkret: Am 1. März 2018 war eine vollzeitbeschäftigte pädagogische Fachkraft in Krippengruppen rein rechnerisch für 3,8 ganztagsbetreute Kinder zuständig. Die Personalsituation hat sich damit gegenüber 2013 (1 zu 4,2) leicht verbessert. In den Kindergartengruppen gab es eine deutlichere Verbesserung. Verantworteten Erzieherinnen und Erzieher 2013 noch die Förderung von 8,7 Kindern, waren es im Jahr 2018 noch 7,9. Für eine kindgerechte Betreuung empfiehlt die Bertelsmann Stiftung, dass in Krippengruppen maximal drei und in Kindergartengruppen 7,5 Kinder auf eine pädagogische Fachkraft kommen.

Allerdings sieht das Betreuungsverhältnis im Kita-Alltag immer ungünstiger aus, da nicht die gesamte Arbeitszeit für die Betreuung der Kinder zur Verfügung steht. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass rund ein Drittel der Arbeitszeit einer Erzieherin für Aufgaben außerhalb der pädagogischen Praxis benötigt wird: zum einen etwa für Elterngespräche, Qualitätsentwicklung oder Bildungsdokumentationen, zum anderen für Urlaub und Fortbildungen.

Kathrin Bock-Famulla, Bildungsexpertin der Bertelsmann Stiftung, sieht in Niedersachsen weiterhin großen Ausbaubedarf. Die Personalschlüssel hätten sich zwar verbessert, seien aber noch nicht kindgerecht.

In Niedersachsen hängen die Bildungschancen vom Wohnort ab

Zwischen den niedersächsischen Kreisen und kreisfreien Städten besteht insbesondere in den Krippengruppen ein großes Qualitätsgefälle. So muss eine Fachkraft im Landkreis Witt-mund (1 zu 5,8) rein rechnerisch fast drei Krippenkinder mehr betreuen als im Landkreis Oldenburg (1 zu 3,1). In anderen Bundesländern wie beispielsweise im Saarland ist das Gefälle deutlich geringer (1 zu 3,6 bis 1 zu 4,0). In Kindergartengruppen zeigt sich in Niedersachsen ein etwas geringeres Gefälle. Während im Landkreis Wittmund eine Fachkraft für 8,7 Kinder verantwortlich ist, sind es im Landkreis Holzminden zwei Kinder weniger (1 zu 6,6).

Jüngere Kinder bei der Betreuung mit älteren Kindern nicht benachteiligen

Niedersachsen ist eines der Bundesländer, in denen ein großer Teil der unter Dreijährigen nicht in klassischen Krippengruppen, sondern zusammen mit älteren Kindern betreut wird. Insgesamt betrifft dies knapp 69 Prozent aller U-3-Kinder. In diesen Gruppen sind die Personalschlüssel für die jüngeren Kinder im Vergleich zu einer klassischen Krippengruppe (1 zu 3,8) ungünstiger. So ist beispielsweise in Kindergartengruppen, die auch für Zweijährige geöffnet sind, eine Fachkraft für 7,6 Kinder zuständig. In sogenannten altersübergreifenden Gruppen, in denen alle Altersgruppen vertreten sind, liegt der Personalschlüssel bei 1 zu 5,9. Jorg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, zu diesem Ergebnis: "Die Personalausstattung muss in jeder Betreuungsform kindgerecht sein. So darf der Besuch von Gruppen mit älteren Kindern die Bildungschancen der Jüngsten nicht verschlechtern."

Personal hat Vorrang: Mindestens 3.300 zusätzliche Fachkräfte notwendig

Um eine kindgerechte Betreuung in den Kitas in Niedersachsen sicherzustellen, braucht es den neuesten Berechnungen der Bertelsmann Stiftung entsprechend rund 3.300 zusätzliche Fachkräfte. Um neue Fachkräfte zu gewinnen, empfiehlt Jorg Dräger, dass sich die Länder auf einheitliche Verbesserungen im Ausbildungssystem für Erzieherinnen und Erzieher verständigen: Bundesweit brauche es eine kostenfreie Ausbildung, eine angemessene Ausbildungsvergütung sowie eine Renten- und Sozialversicherungspflicht für alle Ausbildungsgänge. Zudem sollten die derzeit entstehenden unterschiedlichen Wege in den Beruf keine Absenkung des bisherigen formalen Qualifikationsniveaus nach sich ziehen.

Für diese langfristigen und umfassenden Maßnahmen benötigen die Länder allerdings eine verlässliche, finanzielle Beteiligung des Bundes. Dräger fordert deshalb: "Die Bundesmittel im Gute-Kita-Gesetz müssen angesichts des bestehenden Ausbaubedarfs nach 2022 erhöht werden."

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Quelle: Pressemitteilung Bertelsmann Stiftung, 26. September 2019
www.laendermonitor.de

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