Lebenslagen von (armen) Kindern und Jugendlichen und gesellschaftliches Handeln

Von-alleine-waechst-sich-nichts-ausInformationen zu Langzeitwirkungen des Aufwachsens in familiärer Armut auf das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen liefert die AWO-ISS-Studie "Lebenslagen und Zukunftschancen von (armen) Kindern und Jugendlichen". Die Langzeitstudie wird seit 1997 vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. im Auftrag des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt durchgeführt.

Die Auswertung aus dem Jahr 2012 umfasst die zweite Wiederholungsbefragung von 449 Jugendlichen im Alter von nun 16 und 17 Jahren und ihren Eltern. Untersucht werden die Teilhabe- und Lebenschancen anhand eines Armutskonzepts, das materielle, kulturelle, soziale und gesundheitliche Dimensionen analysiert.

Die kommunale Infrastruktur für junge Menschen sollte demnach ganz unterschiedliche Angebote des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie der Kinder- Jugend- und Familienhilfe vorhalten und zur individuellen Förderung und Unterstützung in der Lage sein, so ein Fazit der aktuellen Auswertung. Dazu gehören kostenfreie Ganztagsschulen, Neuausrichtung des Schulsystems mit Schwerpunkt soziale Inklusion sowie die Entwicklung der Sozialen Hilfen als Prozessketten zur Armutsprävention.

Einkommen, elterlicher Bildungshintergrund und Familienform sind die relevanten sozialstrukturellen Einflussfaktoren auf die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen. Der Migrationshintergrund "verschwindet" dagegen als Einflussfaktor. Für die Erreichung der Zielgruppen in der Armutsprävention sollten daher besser Einkommensarmut, Bildung und Familienform als Indikatoren genutzt werden.

Weitere Ergebnisse der Studie

  • Armut wirkt sich vor allem auf die materielle und kulturelle Lage der Jugendlichen aus: Viele von ihnen erleben Einschränkungen in der Grundversorgung und Teilhabe. Die ökonomische Situation der Familie bestimmt außerdem über den Bildungshintergrund des Jugendlichen und dessen Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten mit.
  • Arme Jugendliche mit Migrationshintergrund leben gesünder, sind subjektiv zufriedener und streben höhere Bildungsabschlüsse an als von Armut betroffene deutsche Jugendliche.
  • Für die Jugendlichen in der Berufs- und Familienorientierungsphase ist die Familiengründung ein wichtiges Zukunftsvorhaben, sich neben dem Beruf um die Familie kümmern zu können, ein wichtiges Motiv für die Berufswahl. Je geringer die Möglichkeiten der Vereinbarkeit eingeschätzt werden, desto eher sehen sie sich zu einer Entweder-Oder-Entscheidung gedrängt.
  • Die eigene Familie ist im Leben von 16- und 17-Jährigen weiter wichtig und Eltern haben herausragende Bedeutung bei der Suche nach dem richtigen Beruf. Arme Jugendliche haben häufiger gemeinsame Mahlzeiten mit den Eltern und gestalten auch die Freizeit häufiger mit der Familie. Mütter sind bei Problemen die Hauptansprechpartnerinnen, im Vater sieht fast die Hälfte der armen Jugendlichen keinen Ansprechpartner.
  • Je länger ein junger Mensch mit Armut aufwächst desto geringer wird die Chance für ein Wohlergehen und desto größer sind die Risiken der multiplen Deprivation.

Armutsprävention erfordert nach Ansicht der Autorinnen und Autoren die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit beider Elternteile, armutsfeste Erwerbseinkommen und eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung. Arme Jugendliche brauchen vor allem Unterstützung durch gemeinsames Lernen und Förderung in der SEK I und die Kompensation gering ausgeprägter elterlicher Netzwerke bei der Berufsorientierung und Berufswahl. Eltern sollten durch Angebote der Beratung, Begleitung, Bildung und Budgetsicherung im Jobcenter und in Familienzentren unterstützt werden.

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Claudia Laubstein, Gerda Holz, Jörg Dittmann, Evelyn Sthamer:
Von alleine wächst sich nichts aus ... Lebenslagen von (armen) Kindern und Jugendlichen und gesellschaftliches Handeln bis zum Ende der Sekundarstufe I.
Frankfurt am Main 2012
264 Seiten
www.iss-ffm.de

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