InterKulturBarometer: Migrantische Zielgruppen über persönliches Umfeld erreichen

Erstmals untersucht eine wissenschaftliche Studie des Bundes und der Länder Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen die kulturelle Identität und Teilhabe von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.Erste Ergebnisse und Empfehlungen der Studie wurden im April 2012 vorgelegt. Die Erkenntnisse aus dem ersten InterKulturBarometer sollen in das Kulturentwicklungskonzept Niedersachsen (KEK) einfließen.

Welche Auswirkungen hat speziell der Faktor Migration auf die Wahrnehmung und Gestaltung kultureller Prozesse bei der Gesamtbevölkerung? Singen wir in Deutschland nun auch türkische Lieder, wie wir Falafel und Döner in unsere Speisekarte integriert haben? Hört die erste Migrantengeneration die Lieder des Herkunftslandes, die zweite Generation deutsche Lieder und die dritte Rock und Pop aus dem angloamerikanischen Raum? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das erste InterKulturBarometer. Die vom Zentrum für Kulturforschung (ZfKf) erarbeitete Studie soll verlässliche Zahlen über die kulturellen und künstlerischen Prozesse einer durch Migration beeinflussten Gesellschaft liefern. Im Fokus stehen dabei die kulturelle Partizipation und Identität der Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte. Dafür wurden seit August 2011 bundesweit 2.800 Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ab 14 Jahren befragt. Ein Schwerpunkt der Studie mit 645 Befragten liefert Zahlen für Niedersachsen.

Bei einem Symposium des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim wurden erste Ergebnisse des InterKulturBarometers präsentiert:

Demnach vertritt insbesondere die migrantische Bevölkerung einen eher breiten Kulturbegriff, der das menschliche Miteinander und das Alltagsleben mit einbezieht.

Zwar liegt der Anteil der Migranten, die schon mal eine Kultureinrichtung besucht haben, nur geringfügig unter dem der Deutschstämmigen - meistens bleibt es aber bei diesem einmaligen Besuch. Speziell die junge migrantische Bevölkerung ist in ihrer Freizeit anteilig stärker künstlerisch-kreativ tätig. Insgesamt wird jedoch das migrantische Publikum noch nicht ausreichend vom öffentlich geförderten Kulturleben erreicht.

Die Studie empfiehlt deshalb u.a.

  • Kultureinrichtungen sollten gezielt vor allem die kulturinteressierte dritte Generation ansprechen.
  • Um migrantische Zielgruppen stärker in die bestehende kulturelle Infrastruktur einzubinden, ist eine intensivere Ansprache des sozialen Umfeldes eine wichtige Voraussetzung: Mehr Informationen und Ansprache an alltäglichen Orten wie Schulen, Arztpraxen oder Betrieben, die zugleich die Möglichkeit bieten, Einzelne im Rahmen von Gruppenkonstellationen anzusprechen (Eltern mit der Klasse, Betriebsausflug etc.). Außerdem eine stärkere Einbeziehung von "migrantischen" Medienwelten sowie die stärkere Einbindung von sozialen Netzwerken, hier vor allem facebook. Denn im Gegensatz zur deutschstämmigen Bevölkerung führen migrantische Zielgruppen die Nichtteilhabe am Kulturleben nicht auf ihr persönliches Desinteresse zurück, sondern auf fehlende Begleitpersonen aus dem Umfeld.

Einige Ergebnisse für Niedersachsen:

  • Die Niedersächsischen Migrantinnen und Migranten sind etwas unzufriedener mit ihrer Lebenssituation als der Bundesdurchschnitt. Als Grund werden fehlende Infrastrukturen im ländlichen Raum vermutet: 23 Prozent der Befragten bemängeln die schwierige Erreichbarkeit von Kulturzentren.
  • Die Schule spielt in Niedersachsen eine wichtige Rolle als Impulsgeber für den ersten Kulturbesuch bei den Migrantinnen und Migranten in Niedersachsen. So wird die migrantische Bevölkerung hier anteilig stärker über die Kitas erreicht als bundesweit.
  • Speziell die dritte Migrantengeneration in Niedersachen profitiert von schulisch-kulturellen Bildungsangeboten des Landes. Auch werden diese Angebote besser beurteilt als im Bundesdurchschnitt. Hier greift besonders das Musikalisierungsprogramm: In der dritten Migrantengeneration in Niedersachsen hat ein überproportionaler Anteil schon einmal musiziert.

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Weitere Informationen zur Studie auf der Website des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur. Dort stehen auch eine Zusammenfassung der ersten Ergebnisse und Empfehlungen bundesweit und für Niedersachsen als Download zur Verfügung:

Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, 13.04.2012

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