Singen und Musik entdecken mit Kleinkindern

Kinder lieben Lieder. Singen macht Spaß und ist die beste Förderung. Beschäftigt sich ein Kind von klein an mit Musik, werden logisches Denken, Feinmotorik, Kommunikationsfähigkeit und Emotionalität gefördert und Musik unterstützt die Sprachentwicklung des Kindes. Für den Neurobiologen und Hirnforscher Gerald Hüther ist Musik Kraftfutter für Kinderhirne.

Die kleine Lena singt zur großen Freude ihrer Eltern mit Begeisterung. Seit sie bei ihrer Tagesmutter ist, hat sie viele Lieder gelernt. Besonders gern singt sie im Auto und fordert ihre Eltern zum Mitsingen auf. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Text und Melodie, denn beide Elternteile hatten das letzte Mal in der Schule gesungen, sind sie textsicher geworden und genießen das fröhliche Singen. Und sie haben ein neues Ritual eingeführt: Jeden Abend singt Lena mit ihrer Mutter vor dem Zubettgehen ein Abendlied. Lenas Mutter hat festgestellt, dass sie das gemeinsame Singen sehr genießt und danach auch viel entspannter ist.

Gemeinsames Singen macht Kinder stark

Leider singen immer weniger Mütter und Väter mit ihren Kindern. Sie spielen ihren Kindern lieber eine CD vor. Mit den Eltern oder der Tagesmutter, dem Tagesvater zu singen, macht Kindern dagegen mehr Spaß als Lieder von einer CD mitzusingen, denn Erwachsene können Pausen machen, wenn das Kind nicht mitkommt, sie können ein Wort erklären oder die Lieblingsstrophe sechsmal wiederholen. Das gemeinsame Singen stärkt nicht nur die Lunge sondern auch das Selbstbewusstsein beim Kind.

Musik fördert wichtige Persönlichkeitsmerkmale

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass Musik auf vielfältige Weise die Nervenzellen im Gehirn anregt. Sich aktiv oder passiv mit Musik zu beschäftigen ist deshalb gesund und anregend. Insbesondere die für das Hören und die Motorik zuständigen Gehirnareale verknüpfen sich miteinander. Musik beeinflusst auch das Belohnungssystem, es macht es aktiver und es reduziert gleichzeitig das Angstsystem. Die frühe Beschäftigung mit Musik ist deshalb für die kindliche Entwicklung von großer Bedeutung.

Langzeitstudien zeigen, dass eine kontinuierliche Musikerziehung (das Erlernen eines Instruments und das Spielen in einer Gruppe) wichtige Persönlichkeitsmerkmale fördert. Dazu gehören Teamfähigkeit und emotionale Stabilität. Musik sollte jedoch vor allem dem Wohlfühlen dienen. Denn aus einem Kind wird kein Musiker, weil ihm Mozart vorgespielt wird.

Singen macht glücklich

Bereits von Geburt an besitzen Säuglinge einen ausgeprägten Sinn für Rhythmus, denn im Mutterleib haben sie den Herzschlag der Mutter gehört. Sie reagieren sensibel und emotional auf Klänge, Rhythmen und Melodien. Ein leises Einschlaflied von einer vertrauten Stimme gesungen, wirkt beruhigend, während lebhafte Rhythmen das Kind zum aktiven Strampeln mit Armen und Beinen anregen.

Die Studie eines englisch-finnisches Psychologenteams deutet daraufhin, dass Kinder im Alter von fünf Monaten bis zu zwei Jahren stärker bei Musik und rhythmischen Tonfolgen mit ihrem Körper mitwippen als wenn sie menschliche Stimmen hören. Und: sie lächeln mehr.

Einjährige Kinder sind aufmerksam und interessiert, wenn gesungen wird. Obwohl das Kind noch nicht mitsingen kann, ist zu beobachten, wie es an den Lippen der Sängerin oder des Sängers hängt und seine Gesichtsmuskulatur bewegt sich unmerklich mit. Aktiv mit anderen zu singen, ist ein Entwicklungsprozess, der Zeit braucht und dem Kind wiederholte Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten bieten muss. In der Kindertagespflege sollten den Kindern bewusst zahlreiche Gelegenheiten geboten werden, gemeinsam zu singen.

Rhythmus und Sprache

Für Kleinstkinder sollten im Tagesablauf viele rhythmische und musikalische Angebote gemacht werden: Einschlaf- und Wiegenlieder, Wickelspiele und Kniereiter.

Bei den Wickelspielen wird der Text und Gesang mit verschiedenen Arm- und Beinbewegungen begleitet. Diese Verknüpfung von Gesang und Bewegung macht den Kleinsten sehr viel Spaß und ist für die kognitive Entwicklung besonders wichtig. Es schult ihre Körperwahrnehmung und ihre Koordination.

Kniereiter ("Hoppe, hoppe Reiter") basieren häufig auf dem Grundschlag und fördern damit ein erstes ganzheitliches Takt- und Rhythmusgefühl, das auch Einfluss auf die Sprachentwicklung hat, denn der Sprachrhythmus wird mit dem ganzen Körper erlebt.

Willkommens- und Abschiedslieder stärken das Wir-Gefühl

Beliebt sind bei den Ein- und Zweijährigen vertraute Begrüßungs- und Abschiedslieder, sie geben Halt und das Singen in der Gruppe stärkt das Wir-Gefühl. Das Ritual des Willkommens- und Abschiedslieds hilft dem Kind bei dem Übergang.

Bewegungs-, Kreis- und Tanzspiellieder

Im Alter von 1,5 Jahren können Kinder Gesang und Bewegung immer besser aktiv umsetzen und begeistern sich für Bewegungs-, Kreis- und Tanzspiellieder. Bei der musikalischen Bewegungsreise zum Beispiel wird das Kind in spielerischer Form dazu animiert sich zu bewegen. Es wird ein Lied gesungen zum Beispiel "Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp" und das Kind setzt die Musik in Bewegung um. Beides zusammen aktiviert die natürliche Freude an der Bewegung und regt die Fantasie an.

Bei vielen Kreis- und Tanzspielen stehen die Bewegungsrichtung und die Bewegungsform im Vordergrund. Neben dem Gemeinschaftsgefühl erfährt das Kind verschiedene Rhythmuswechsel und macht spezifische Raumerfahrungen. Wie beim Erwerb der Sprache erwirbt das Kind auf diesem Weg eine Vorstellung von Musik, von Rhythmen, Tonarten, Melodien. Beim Singen mit Kleinstkindern sollte versucht werden, in einer hohen Tonlage zu singen, dies entspricht der kindlichen Stimmlage.

Lenas Musikkiste

Lena hat eine kleine Kiste mit verschiedenen Sachen, mit denen sie musizieren kann. Sie hat kleine Flöten, die sie immer nacheinander ausprobiert: eine Tonflöte, die wie eine Lokomotive pfeift und eine kleine Bambusflöte mit zwei Löchern, die sie mit zwei Fingern spielen kann. Mit der Sammlung von Marmeladendeckeln macht sie regelmäßig mit ihrem Vater Musik. Wenn sie auf den Deckel drückt, macht es knack, mal hell und metallisch und mal tiefer und leiser. Auf einer weichen Unterlage klingen die Deckel anders als im Wasser. Ihr Vater hat ihr auch verschieden lange und dicke Holzleisten aus dem Baumarkt mitgebracht, Lena schlägt mit kleinen Hölzchen auf die verschiedenen Leisten und erforscht die unterschiedlichen Töne dieser Klangstäbe.

Lenas Lieblingsinstrument ist gerade eine Trompete: aus Bastelkarton formt sie eine Röhre und erzeugt Töne, sehr zum (kleinen) Ärger ihrer Oma, die sie damit gern erschreckt.

Lese- und Hörtipps

Zuhören, Zuschauen und Mitsingen für die Kleinsten
Die Website www.surakinder.de bietet 40 klassische Kinderlieder mit Bildern, Text und Gesang zum Mitmachen für Eltern, Erziehende und Kinder. Dazu kommen "kleine (Hör-)Geschichten vom Hempelmann", die auch in Text-Bild-Version zum selber Vorlesen angeboten werden.

Die schönsten Wiegenlieder zum Mitsingen
Buchcover-WiegenliederDas gemeinsame Benefizprojekt "Wiegenlieder" von SWR2, dem Carus Verlag und ZEIT ONLINE fördert das Singen mit Kindern. Initiiert wurde das Projekt von dem Konzert- und Opernsänger Cornelius Hauptmann. Seit November 2009 präsentieren der Radiosender SWR2 und ZEIT ONLINE ein Jahr lang jede Woche ein Lied, interpretiert von den besten Konzertsängerinnen und -sängern im deutschsprachigen Raum. Die Lieder stehen als MP3-Dateien zum kostenlosen Download (Instrumental oder mit Gesang) bei ZEIT ONLINE zur Verfügung, die Noten dazu jeweils eine Woche lang. Parallel dazu sind die CDs "Wiegenlieder Vol. 1 und Vol. 2" sowie ein Liederbuch inklusive Mitsing-CD im Carus Verlag erschienen. Vom Erlös der CDs und des Buches gehen jeweils zwei Euro an Projekte, die das Singen mit Kindern fördern.

Wiegenlieder
Liederbuch inkl. Mitsing-CD
Carus Verlag / Reclam, 2009
128 Seiten, 19,90 Euro

Wiegenlieder Vol. 1
CD mit Booklet (88 Seiten) im Schuber
26 Tracks (Spielzeit 64:33)
Carus Verlag, 17,90 Euro

Wiegenlieder Vol. 2
CD mit Booklet (108 Seiten) im Schuber
32 Tracks (Spielzeit 79:38)
Carus Verlag, 17,90 Euro
www.carus-verlag.de und www.wiegenlieder.org

Schlummerklassik für die Kleinsten
EineChancefürKinder_CD-Cover Die Stiftung Eine Chance für Kinder hat ein außergewöhnliches Musikprojekt realisiert: Die CD bietet eine Mischung aus Volksliedern und Kunstliedvertonungen großer Komponisten aus dem 19. Jahrhundert. Eingespielt wurden die Wiegenlieder gemeinsam mit dem Hildesheimer Kehrwieder-Kinderchor, dem Blechbläserquintett Hannover, der Sopranistin Heidrun Blase und dem Pianisten Gerrit Zitterbart. Zu hören sind Lieder u.a. von Engelbert Humperdinck, Johannes Brahms, Franz Schubert, Edvard Grieg, Franz Liszt, Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Wagner und Richard Strauß. Die Einnahmen aus dem Verkauf der CD kommen dem spendenfinanzierten Schulprojekt "Lebensplan" zu Gute, das Teenager-Schwangerschaften und Kindesvernachlässigung/-misshandlung durch sehr junge Eltern vorbeugen will.

Schlummerklassik für die Kleinsten
Schlaf- und Wiegenlieder großer Komponisten
CD
10,00 Euro (zzgl. Portokosten)

Die CD ist zu beziehen über:
Stiftung Eine Chance für Kinder
T 0511 / 27 91 43-0
info@eine-chance-fuer-kinder.de
www.eine-chance-fuer-kinder.de

Musik und Spiel für Kleinkinder
cover_Musik-und-Spiel-fuer-Kleinkinder_CDSowohl die CD als auch das Handbuch für die musikalische Früherziehung richten sich an Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten, an Tagespflegepersonen und an Eltern-Kind-Gruppen. Die 32 Lieder der CD zeigen, wie musikalische Frühförderung mit Lust und Anspruch gelingt. Das Buch bietet eine Einführung in die entwicklungspsychologischen Aspekte der musikalischen Frühförderung von Kleinkindern und die Phasen ihres musikalischen Lernens. Im Praxisteil finden sich über 50 verschiedene Spielformen für sämtliche Entwicklungsstufen von 0 bis 36 Monaten. Gegliedert ist dieser Teil in drei Erlebnisbezüge von Kleinkindern: "Durch den Tag", "Mit den Tieren", "Durch das Jahr".

Sabine Hirler:
Musik und Spiel für Kleinkinder
Cornelsen Verlag Scriptor 2006
CD-Rom, Buch, 120 Seiten
beide je 16,50 Euro

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(Text: Sylvia Wilke)

Übrigens!
VerschiedenesMehr zum Tageskind Lena erfahren Sie bei Kinderbetreuung - Lena's Tagesmutter. Wir haben sie und ihre Eltern bei der Suche nach einer Tagesmutter oder einem Tagesvater und bei der Eingewöhnung in die Tagespflegestelle begleitet. Lesen Sie hier, was die Beteiligten - Lenas Eltern, die Tagespflegeperson und Lena selbst - erlebt haben und was wichtig für sie war. Thematisiert wird dabei vom Tagespflegevertrag bis zur frühkindlichen Förderung alles, was für die Betreuung in der Kindertagespflege für Mütter und Väter sowie für Tagespflegepersonen wissenswert ist.

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