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Soziale Kompetenzen – entwicklungspsychologische Grundlagen und frühpädagogische Konsequenzen

Für eine erfolgreiche Entwicklung in der frühen Kindheit ist nicht nur Bildung notwendig. Auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen spielt eine ganz besondere Rolle. Hartmut Kasten beschreibt die Meilensteine sozialer Entwicklungen in den ersten sechs Lebensjahren und gibt wertvolle Anregungen für den Alltag mit Kindern.

Übersichtlich gestaltet und verständlich geschrieben vermittelt die Publikation Hintergrundwissen zum kindlichen Sozialverhalten und den damit verbundenen Entwicklungsschritten im kognitiven und emotionalen Bereich von 0 bis 6 Jahre. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den Forschungen zur moralischen Entwicklung und zum Erwerb des Perspektivenwechsels und der Rollenübernahme.

Tagespflegepersonen, Erzieherinnen und Erzieher sowie Eltern finden hier auf einen Blick die wichtigsten Aspekte der sozialen Entwicklung von Kindern in der frühen Kindheit.

Der folgende Beitrag von Hartmut Kasten basiert auf dem vorgestellten Buch und steht auch als PDF-Datei zur Verfügung.

Soziale Kompetenz – entwicklungspsychologische Grundlagen und frühpädagogische Klärungen

Von "sozialer Kompetenz" oder "Sozialkompetenz" ist gegenwärtig in ganz verschiedenen Kontexten häufig die Rede, z.B. in der Schule, innerhalb der Familie, in Betrieben und Industrieunternehmen oder auch in der Politik. Mehr soziale Kompetenzen werden erwartet von Eltern, die Erziehungsprobleme mit ihren Kinder haben, von Lehrern, die es nicht schaffen mit den aggressiven Auseinandersetzungen zwischen den ihnen anvertrauten Schülern fertig zu werden, von Chefs und Managern, die Wert auf ein gutes Arbeitsklima und motivierte Mitarbeiter legen und von Politikern, die sich mit zunehmender Politikverdrossenheit in der Bevölkerung konfrontiert sehen und denen es nicht gelingt, politische Entscheidungen angemessen zu vermitteln.

Sozialkompetenz wird nicht selten als ein Wundermittel verstanden, das – richtig eingesetzt – nahezu alle gesellschaftlichen Missstände, alle Arten von Konflikten, Spannungen, gewaltförmigen Übergriffen, beseitigt. Angesichts der inflationären Verwendung des Begriffs "soziale Kompetenz" erscheint eine Begriffsklärung, die wissenschaftlichen Ansprüchen einigermaßen genügt, dringend geboten zu sein: Ein Mensch wird als sozial kompetent bezeichnet, wenn er in der Lage ist mit seinen Mitmenschen so zusammenzuleben, dass es von diesen und von ihm selbst als akzeptabel, angemessen und zufrieden stellend erlebt wird. Kinder bezeichnet man als sozial kompetent, wenn sie auf andere Kinder eingehen, deren Standpunkt nachvollziehen und mit ihnen kooperieren können.

Lesen Sie hier mehr zu den Entwicklungsschritten in den ersten Lebensjahren:

Das erste Lebensjahr

Kindern wird ihre Sozialkompetenz wortwörtlich in die Wiege gelegt, d. h. sie kommen auf die Welt mit der grundlegenden Bereitschaft sich sozial zu entwickeln, doch bedarf es dazu angemessener, feinfühliger Reaktionen und Anregungen von Seiten ihrer Bezugspersonen.

Das Kind wird als sozial kompetentes Lebewesen geboren, weil es schon während seiner Fetalzeit Gelegenheit zur Kommunikation mit seiner inneren und äußeren Umwelt hatte. Der Fetus lernt im Laufe seines intrauterinen Heranwachsens auf immer differenziertere und angemessenere Weise auf alle von ihm wahrgenommenen Reize zu reagieren.

Mit Nachdruck plädieren Pränatalpsychologen deshalb dafür, dem Fetus nach Möglichkeit ein wohltuendes und anregendes Milieu zur Verfügung zu stellen. Dies ist in erster Linie dann gewährleistet, wenn es der Mutter gut geht und sie ihre Schwangerschaft als beglückende und erfüllende Zeit erlebt. Darüber hinaus können eine intensive positive Kommunikation der Mutter mit ihrem ungeborenen Kind und gezielte, wohldosierte Anregungen von außen, z. B. von Seiten des Vaters oder anderer naher Bezugspersonen, dazu beitragen, dass der Fetus unter optimalen Entwicklungsbedingungen heranwächst.

Unmittelbar nach der Geburt, in der Bonding-Phase, manifestiert sich die soziale Ansprechbarkeit und Reaktionsfähigkeit der Neugeborenen deutlich: Trotz aller Strapazen sind Säuglinge unmittelbar nach der Geburt besonders wach und ansprechbar. Das wurde offenbar von der Natur so eingerichtet, um die Ausbildung einer tiefen gefühlsmäßigen Bindung der Eltern an ihr Kind anzubahnen. Kurze Zeit später können Säuglinge bereits, mimische Gesten nachahmen, die ihnen in ihrem Blickfeld dargeboten werden (z. B. Öffnen des Mundes oder Herausstrecken der Zunge). Angeboren ist auch ihre Vorliebe für Gesichter, die sie wesentlich länger betrachten als andere Objekte. Säuglinge lernen sehr schnell, zwischen vertrauten und unbekannten Gesichtern zu unterscheiden.

Das soziale Lächeln manifestiert sich erstmals um die sechste Lebenswoche. Physiologisch aufgebaute, körperliche Spannung bauen Säuglinge meist sehr schnell wieder ab, wenn sie hochgenommen und getragen werden. Sie sind von ihrem genetischen Potenzial (Spreiz-Anhock-Position) her Traglinge und werden beim Getragenwerden über alle Sinneskanäle ganzheitlich angeregt. Bereits gegen Ende des zweiten Lebensmonats produzieren Säuglinge die ersten sprachähnlichen Laute, auf die ihre Bezugspersonen meist positiv und dadurch bekräftigend antworten. Vom vierten Lebensmonat an reagieren Säuglinge auf sich nähernde Bezugspersonen strampelnd und freudig erregt und lassen sich von diesen schon in erste Lautdialoge verwickeln. Um diese Zeit herum nimmt auch das Interesse des Kindes an allem, was mit Sprache und Sprechen zu tun hat (z. B. sprachliche Laute, Melodie und Rhythmus der Stimme, Lippen- und Mundbewegungen) deutlich zu. Säuglinge sind jetzt auch schon in der Lage, unterschiedliche (sozial relevante) Gefühlszustände – sei es nun Freude oder Kummer, Missfallen oder Interesse – recht deutlich auszudrücken.

Vom fünften Lebensmonat an interessieren sie sich zunehmend stärker für Gegenstände in ihrem Nahbereich, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass ihre Hand-Auge-Koordinationen sich signifikant verbessert haben und ihre Greifbewegungen deshalb beträchtlich gezielter werden. In die zunehmend differenzierteren sozialen Interaktionen mit ihren Bezugspersonen werden immer häufiger Dinge der Umwelt einbezogen. Die Zeigegeste wird schnell erlernt und schon vom sechsten Lebensmonat an sind Beschäftigungsvorlieben zu erkennen. Das Prinzip der Wechselseitigkeit wird in der Folgzeit immer wichtiger und bildet auch die Basis für das Erlernen der Basisgrammatik der Sprache ("Ich zeige auf etwas, du gibst es mir") und der grundlegenden Beziehungen zwischen Ich, Objekt und Du (Subjekt-Objekt-Prädikat-Relation). Vom siebten Lebensmonat an verbessern sich die kommunikativen Fähigkeiten der Kleinkinder dadurch deutlich weiter, dass sie in Plapperdialogen mit ihren Bezugspersonen immer besser lernen, zum jeweils angemessenen Zeitpunkt die Rolle des Sprechers bzw. des Zuhörers einzunehmen.

Um den achten Lebensmonat herum beginnen die Kleinen in großer Regelmäßigkeit zu fremdeln: Sie reagieren irritiert, furchtsam, zuweilen sogar mit starker Angst und Weinen, wenn sich ihnen fremde, unvertraute Personen zu sehr nähern. Um diese Zeit stabilisiert sich auch die Personpermanenz und die Kinder drücken zunehmend deutlicher aus, wenn sie ihre Mutter (die Hauptbezugsperson) vermissen. In Abhängigkeit von den mütterlichen Reaktionen werden nun die Fundamente für eine (mehr oder weniger) positive und tragfähige Bindung gelegt.

In den folgenden Monaten wird das Kind nicht nur motorisch immer beweglicher – es lernt krabbeln, sich aufzurichten und mit Unterstützung zu stehen und gegen Ende des 1. Lebensjahres die ersten Schritte zu gehen - sondern auch sprachlich zunehmend kompetenter (das passive Verstehen von Silbenfolgen und ersten Wörtern geht dabei dem aktiven Nachsprechen von Lauten und Wörtern voraus). Seine sozialen Interaktionen werden dadurch zunehmend differenzierter.

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Das zweite Lebensjahr

Kinder sind auch im zweiten Lebensjahr noch ganz eingebunden im Hier und Jetzt. Das zeigt sich z. B. in ihrer Emotionalität: Gefühle können noch nicht gesteuert oder reguliert werden, sondern entladen sich nach dem Alles-oder-Nichts-Gesetz und wechseln dementsprechend häufig. Das Spektrum der sozial bedeutsamen Gefühle differenziert sich im Laufe des zweiten Lebensjahres beständig weiter aus. Die Kinder drücken ihre Ablehnung oder Zustimmung deutlich nicht nur mimisch, sondern mit dem ganzen Körper aus und können wütend, verärgert, gekränkt, beleidigt, erfreut, erschreckt oder traurig reagieren – in Abhängigkeit von vorangegangenen Ereignissen. Sie suchen nun von sich aus – vorausgesetzt, sie fühlen sich sicher gebunden – die Nähe und den körperlichen Kontakt zu ihren Bezugspersonen.

Auch in kognitiver Hinsicht leben die Kinder noch ganz im Hier und Jetzt: Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist noch sehr kurz, ebenso ihr Kurzzeitgedächtnis. In frühpädagogischer Hinsicht bedeutet das, dass sie sich schnell ablenken lassen – beispielsweise von einem Kummer, den sie gerade empfinden.

Zu Beginn des zweiten Lebensjahres haben die Kinder es zumeist schon gelernt, auf Verbote zu hören. Doch Regeln können sie noch nicht beständig einhalten, da eine Verinnerlichung von Geboten und Verhaltensstandards noch nicht stattgefunden hat. Schon in diesem Alter sind die Kinder gern mit Altersgefährten zusammen: Zuweilen ahmen sie einander nach oder nehmen sich gegenseitig Spielsachen weg. Wenn sie spielen, spielen sie nicht miteinander sondern nebeneinander, schauen sich dabei aber hin und wieder an und gegenseitig zu.

Zwischen dem 15. und 17. Lebensmonat werden viele Kinder zunehmend geselliger. Das zeigt sich zum einen darin, dass sie ihren Bezugspersonen nicht mehr von der Seite weichen und alles, was diese tun, nachmachen wollen. Zum anderen verhalten sie sich sozialer, wenn sie mit anderen Kindern zusammen sind, schauen häufiger zu und nehmen ihnen seltener etwas weg. Weil die Beweglichkeit deutlich zugenommen hat, wächst auch der Radius ihrer (nicht nur sozialen) Betätigungsmöglichkeiten: Ob auf dem Spielplatz, in der Krippe, in der Wohnung – die Kinder werden zunehmend unternehmungslustiger und explorativer.

In der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres bahnt sich ein qualitativer kognitiver Wandel an, der wahrscheinlich durch vorangehende neuronale Reifungsprozesse eingeleitet wird: Die Kinder erkennen sich selbst in ihrem Spiegelbild wieder und begreifen langsam, dass sie ein eigenes Ich, eine eigene Identität haben und sich von anderen unterscheiden. Dinge in ihrem Nahbereich und persönlichen Umfeld werden als zu ihnen selbst gehörig erlebt und die Kinder bilden auf diese Weise allmählich Vorstellungen von "Mein" und "Dein" (Besitz und Eigentum) aus. So bestehen sie z. B. darauf, ihren Platz am Tisch einzunehmen und ihr Spielzeug für sich allein zu haben. Ihre neuen Einsichten ermöglichen es ihnen jetzt auch, immer zutreffender vorwegzunehmen, ob ihre Handlungen auf Zustimmung oder Ablehnung bei ihren Bezugspersonen stoßen werden.

Auch das Interesse der Kinder an Abbildungen aller Art nimmt in dieser Zeit merklich zu: Bilderbücher anschauen und Bilderlotto spielen bereitet ihnen zunehmend Spaß, weil sie immer mehr Zusammenhänge und Handlungsabläufe besser begreifen. In Bildergeschichten dargestellte einfache Handlungsfolgen - Die Mutter füttert ihr Baby, lässt es ein Bäuerchen machen, wechselt ihm dann die Windeln und legt es anschließend ins Bett; oder: Ein Kind nimmt sich eine Apfelsine aus der Schale, geht damit zu seinem Vater und bittet ihn, sie ihm zu schälen - können Kinder mit eineinhalb Jahren durchaus schon verstehen.

Das Verständnis für Dinge des sozialen Miteinanders nimmt nun rapide zu – im Fachjargon ausgedrückt: Im Bereich der Ausbildung sozialer Kognitionen sind markante Zuwächse zu verzeichnen.

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Das dritte Lebensjahr

Im Laufe des dritten Lebensjahres wird aus dem Kleinkind nicht nur im Hinblick auf sein körperliches Aussehen, sondern auch was sein motorisches Geschick und seine sprachlichen, kognitiven und sozialen Kompetenzen angeht, mehr und mehr ein Kindergartenkind. Die Trotz- oder Autonomiephase klingt ab und das Kind wird zumeist ganz von allein "sauber", weil auch die physiologischen Reifungsprozesse abgeschlossen sind, die ihm die Kontrolle seiner Ausscheidungsorgane ermöglichen.

Schon in der ersten Hälfte des dritten Lebensjahres lernen die Kinder – gestützt durch ihren wachsenden aktiven Wortschatz – sich selbst und das, was sie als zu sich selbst gehörend erleben, immer differenzierter anschaulich zu beschreiben. Als-ob-Spiele nehmen in ihrem Spielalltag einen immer größeren Raum ein, werden dabei vielfältiger und komplexer. Es gelingt den Kindern zunehmend besser mit anderen zusammenzuspielen. Dadurch werden ihre Spielkontakte dauerhafter und die Beziehungen, die sie zu ungefähr gleichaltrigen Kindern aufbauen, Freundschaften immer ähnlicher.

In der zweiten Hälfte des dritten Lebensjahres nimmt die Selbstständigkeit der Kinder weiter zu, gleichzeitig aber auch ihre Bereitschaft zur Kooperation und ihre Fähigkeit sich in Gruppen einzufügen. Die Meinung und das Vorbildverhalten anderer – insbesondere älterer Kinder und erwachsener Bezugspersonen – werden bedeutsamer. Soziale Anerkennung zu bekommen, wird den Kindern immer wichtiger.

Wenn die Kinder in einer sicheren Bindung an ihre Bezugspersonen heranwachsen, nehmen auch ihr Selbstvertrauen, ihr Selbstbewusstsein und ihre Fähigkeit zum selbstständigen Handeln kontinuierlich zu. Weil sie sich nun merklich stärker für andere Kinder und das Zusammenspiel in kleinen Gruppen interessieren, wird der Stellenwert der Eltern (und anderen erwachsenen) Bezugspersonen) allmählich etwas kleiner. Dieser Prozess hängt aber ganz entscheidend davon ab, ob die Entwicklungsaufgabe der gegenseitigen Abnabelung angemessen bewältigt wird.

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Das vierte Lebensjahr

Schon zu Beginn des vierten Lebensjahres wird deutlich, dass aus dem Kleinkind mittlerweile ein richtiges Kindergartenkind geworden ist. Nach dem vollständigen Abklingen der Trotzphase ist das Kind nun in der Lage und bereit, zu kooperieren und Kompromisse zu schließen. Es lernt immer besser, einen Belohnungsaufschub zu ertragen, empfindet Vorfreude, wenn etwas Besonderes bevorsteht, kann teilen und abgeben und "Mein" und "Dein" akzeptieren.

Seine Welt wird deutlich größer: Das Kind entdeckt die nähere Umgebung – in der Nachbarschaft, auf dem Spielplatz oder bei Freunden. Nun gilt es für Eltern und Erzieherinnen verstärkt, dem Kind möglichst viele Endeckungs- und Erfahrungsmöglichkeiten zu bieten und auf seine Beschäftigungsvorlieben einzugehen und sie zu fördern. Dadurch wachsen sein Selbstvertrauen, sein Selbstbewusstsein und seine Selbstständigkeit.

Die Sprachentwicklung macht im vierten Lebensjahr deutliche Fortschritte. Der aktive Wortschatz umfasst gegen Ende des 3. Lebensjahres bereits zwischen 1200 bis 2000 Wörter. Das Kind geht von sich aus kreativ mit Sprache um, wendet sein intuitives Verständnis für korrekten Satzbau und Grammatik beständig auf neue umfangreichere Sprachproduktionen an; auch schwierigere Wortarten, wie Adverbien und Präpositionen kann es bereits richtig verwenden. Lautes Denken kommt jetzt kaum noch vor. Durch seine beträchtlichen sprachlichen Fortschritte nehmen auch die kommunikativen Kompetenzen des Kindes, seine Fähigkeiten sich mit anderen zu unterhalten und Gedanken auszutauschen merklich zu. Für viele Kinder beginnt jetzt die Phase der Warum-Fragen.

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Das fünfte Lebensjahr

Weil die Kinder im Laufe des 5. Lebensjahres immer differenziertere Vorstellungen darüber ausbilden, was sie selbst von anderen unterscheidet (auch innerlich), verlieren sie in dieser Zeit endgültig ihre Naivität. Sie sind jetzt in der Lage (nicht nur im Spiel) zu lügen, zu mogeln und zu täuschen und (auch in ihre eigenen Handlungspläne) einzubeziehen, was der andere wahrnimmt, fühlt oder weiß und können sich auch schon schämen, wenn sie z. B. bei einem Regelverstoß ertappt werden.

Ihre Mobilität und Selbständigkeit nehmen auch in diesem Jahr beständig weiter zu und, wenn es gut läuft, auch ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstbewusstsein. Sie besuchen gern Freunde in der Nachbarschaft, haben mittlerweile auch schon etwas festere Freundschaften geknüpft, können schon Auskunft geben, wenn sie nach ihrem Namen, Alter und ihrer Adresse gefragt werden. Sie schätzen (auch außerhalb des Kindergartens) das Zusammenspiel in kleinen Gruppen und bilden schon so etwas wie ein Wir-Gefühl aus. Durch das Zusammensein mit anderen Kindern wird ihr Sozialverhalten in vielfältiger Weise gefördert; ihre Fähigkeiten mit anderen zu kooperieren, sich mit ihnen zu verbünden, aber auch, wenn es zu Auseinandersetzungen und Konflikten kommt, mit diesen angemessen umzugehen und Fairness-Regeln einzuhalten, nehmen zu.

Es bedeutet ihnen immer mehr, eine Leistung zu vollbringen und dafür Anerkennung zu erhalten, dementsprechend nimmt auch ihre Begeisterung für Wettbewerbsspiele zu. Gleichzeitig wächst ihre Sensibilität für moralische und Wert-Kategorien, wie "gut" und "böse" oder "richtig" und "falsch" und macht sie besonders empfänglich für positive (aber auch negative) Vorbilder.

In diesem Alter interessieren sich viele Kinder von sich aus für Dinge, die mit Fortpflanzung und Sexualität zusammenhängen. Natürlich sollten die Eltern und ErzieherInnen solchen Fragen nicht ausweichen, sondern sich bemühen sie zufrieden stellend zu beantworten. Auch wenn Kinder von sich aus keine Fragen stellen, empfiehlt es sich das Thema Sexualität und körperliche Liebe anzusprechen – in welcher Differenziertheit und in welchem Umfang ist natürlich Ermessenssache. Den Kindern sollte jedoch vermittelt werden, dass Sexualität etwas Normales und Natürliches ist und (den Eltern) Freude bereitet.

Es empfiehlt sich den Kindern in diesem Alter eine "ganz lange Leine" geben, ihnen also soviel Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen, wie es die Umstände gestatten, sie aber nie ganz aus den Augen verlieren und ihnen innerlich immer ganz nah sein.

Das sechste Lebensjahr

Im Laufe des 6. Lebensjahres erweitert das erfahrene Kindergarten- und angehende Schulkind seine sozialen und sozial-kognitiven Kompetenzen noch einmal in beträchtlichem Umfang. Das gilt sowohl für die Differenziertheit seiner inneren moral- und wertebezogenen Vorstellungen und Orientierungsmaßstäbe als auch für das Spektrum seiner sprachlichen, kommunikativen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten.

Zu Beginn des 6. Lebensjahres gehören die meisten Kinder (mit 2 Jahren Kindergartenerfahrung) schon zu den erfahreneren Kindergartenkindern. Sie sind in der Regel gut integriert in ihre Gruppe, haben ihre festen Spielfreunde und fühlen sich wohl in ihrer Einrichtung. Wenn sich das letzte Kindergartenjahr seinem Ende nähert, steht für viele Kinder nicht nur die Vollendung des 6. Lebensjahres, sondern auch der Schuleintritt bevor – ein Ereignis, das lange Schatten wirft und die Kinder in ihren letzten Monaten im Kindergarten nicht unberührt lässt.

Im Laufe des 6. Lebensjahres werden Freunde immer wichtiger für die Kinder, Freundschaften werden kaum noch aus nichtigen Anlässen abgebrochen oder beendet, sondern erweisen sich immer häufiger als relativ beständig und dauerhaft. Manche Kinder können sich dann auch darauf freuen, zusammen mit ihrem/r besten Freund/in in dieselbe Klasse eingeschult zu werden.

Schon zu Beginn des 6. Lebensjahres haben die Kinder im Regelfall keine Probleme mehr sich sprachlich angemessen auszudrücken, d. h. sie können sich untereinander, aber auch mit Erwachsenen über alle Dinge, die sie interessieren – und das Spektrum ihrer Interessen wächst beständig – unterhalten. Dabei nehmen sie nicht nur immer wieder neue Wörter in ihr Vokabular auf (gegen Ende des 6. Lebensjahres verfügen sie im Durchschnitt bereits über einen aktiven Wortschatz von 5000 Wörtern), sondern verwenden auch immer längere Sätze und kompliziertere Satzkonstruktionen. Erwähnenswert ist, dass viele Kinder auf dieser Altersstufe noch einmal eine Phase durchlaufen, in der Warum-Fragen an der Tagesordnung sind.

Parallel zur sprachlichen und kognitiven Entwicklung erweitert sich ihr sozialer Radius Stück um Stück. Sie lernen in immer mehr unterschiedlichen sozialen Settings (Kindergartengruppen, Nachbarschaftsfreundeskreis, besonders enge Freundschaften, Gleichaltrigenkontakte in Kursgruppen, Vereinen oder in vorübergehenden Gruppen anlässlich von Feiern oder Familientreffen usw.) zurechtzukommen und erwerben dabei sozusagen ganz nebenbei eine Fülle neuer sozialer Kompetenzen: Einmal geben sie anderen ein Vorbild, einmal eifern sie selbst anderen nach; ein anderes Mal beschäftigen sie sich nur mit einem Freund, dann wieder in einem Gruppenspiel gleich mit mehreren Gleichaltrigen oder auch im Umgang mit Erwachsenen (neben ihren Bezugspersonen), sei es in der Nachbarschaft oder im Rahmen von Arztbesuchen, Ausflügen, Urlaubsfahrten usw.

Die Mehrheit der Kinder ist damit auch gut ausgerüstet den Übergang in einen neuen sozialen Mikrokosmos, wie sie die Schule darstellt, erfolgreich zu bewältigen.

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